Stimme geben – Stimme erheben Ausführungen von Alois Wagemann

Warum sind unsere Meinungen wichtig?

 

  1. Gestatten Sie mir, Ihnen vorab das Gedicht von Wilhelm Busch: „Es sitzt ein Vogel auf dem Leim“ vorzulesen. Dieses Gedicht, das ich aus meiner Schulzeit kenne, hatte für mich damals einen ganz anderen Sinn: Ich schätzte die wunderbaren Reime und ich schmunzelte ob des Humors des Vogels. Heute – viele Jahre später – eröffnet das Gedicht für mich eine ganz andere Perspektive: Ich erkenne im Vogel meine eigene Person und im Kater den Tod. Ich versuche, dem absehbaren Ende (wo mich der Kater frisst) mit Humor zu begegnen. Das Gedicht lehrt mich aber auch, dass ich in der Auseinandersetzung mit dem Kater vollständig auf mich selber angewiesen bin. Will ich dem Kater ein Schnippchen schlagen, muss ich etwas machen und ich muss es selber machen. Indem ich es tue, gestalte ich die Zukunft.

 

 

  1. Bei der Vorbereitung dieser Pressekonferenz habe ich mich an das soeben erschienene Buch von Ludwig Hasler: „Für ein Alter, das noch was vorhat“ angelehnt. Gestatten Sie mir vorab ein paar Zahlen:

 

  1. a) In Sursee leben (Stand Mai 2019) 2’392 stimmberechtigte Bürgerinnen und Bürger, die 58+ Jahre alt sind. Das sind 34,25 % aller Stimmberechtigten. Die Höhe dieser Zahl hat mich sehr überrascht. Die 34,25 % zeigen, wie gross das politische Potential der Bevölkerungsgruppe ab 58+ ist.

 

  1. b) Um 1900 wurden unsere Vorfahren in der Schweiz durchschnittlich 46 Jahre alt. Zwischenzeitlich hat sich die Lebenserwartung beinahe verdoppelt. Frauen werden heute durchschnittlich 85 Jahre alt, Männer gegen 82 Jahre.

 

  1. c) Die Lebenserwartung steigt weiter: Die nächste Generation dürfte 3 bis 4 Jahre zulegen. Jedes 4. Mädchen mit Jahrgang 2017 (2-jährig), darf damit rechnen, dereinst 100 Jahre alt zu werden. Die Generation der 100 Jährigen ist bereits geboren.

 

 

  1. Die politischen Forderungen der Seniorinnen und Senioren sind aktuell. Ich erwähne zwei Beispiele:

 

  1. a) In Kürze werden Unterschriften gesammelt für zwei Volksinitiativen auf eidgenössischer Ebene: Die 1. Volksinitiative verlangt, dass jede Benachteiligung aufgrund des Alters beseitigt werden muss, und zwar sowohl im Verhältnis zum Staat wie auch unter Privaten. Und wer sich als Opfer sieht, soll das Recht erhalten, dagegen zu klagen. Das zweite Initiativprojekt fokussiert sich auf die Betreuung. Die Sozialversicherungen – so die Initiative – deckten heute nur Krankheit und medizinische Pflege ab, nicht aber die Betreuung im Alltag, von der Hilfe im Haushalt bis zu neuen Formen des betreuten Wohnens. Verlangt wird eine ganzheitliche Alltagsunterstützung, umfassend die Beratung, die Betreuung und die Pflege.

 

  1. b) In vielen Gemeinden werden heute Seniorenräte eingerichtet. Noch nie hat es so viele Seniorenlisten gegeben, wie bei den Eidgenössischen Wahlen in diesem Herbst.

 

 

  1. Die zunehmende Lebenserwartung hat dazu geführt, dass unser Leben eine neue, zusätzliche Lebensphase erhalten hat. Früher konnten wir unser Leben einteilen in die Jugendzeit, in die Erwerbszeit und in den Lebensabend. Unser heutiges Leben weist vier Phasen auf: Die Jugendzeit, die Erwerbszeit, den Nachmittag ab Erreichen des ordentlichen Pensionierungsalters bis gegen 90 Jahre und den Lebensabend. Der Lebensnachmittag umfasst somit die Zeit zwischen 65 bis 90 Jahren, also sage und schreibe 25 Lebensjahre.Was sollen wir mit diesen 25 Jahren anfangen?

    Man kann nicht 25 Jahre ausruhen. Man kann nicht 25 Jahre lang Siesta machen. Auch das Reisen in alle Herrenländer ist nicht unendlich. Und auch das Jassen oder Golfen stösst irgendeinmal an seine Grenzen.

 

 

  1. Warum sind unsere Meinungen wichtig?

 

Es gibt zahlreiche Gründe, warum unsere Meinungen wichtig sind. Als Beispiele seien hier aufgeführt:

 

  1. a) Die Politik braucht die Meinungen aller Alters- und Bevölkerungsgruppen. Die Jungen mögen dabei ihr frischeres Wissen, ihren grösseren Elan und ihre tollen Visionen einbringen. Die Seniorinnen und Senioren ihre grössere Erfahrung. Auch ein noch so aktuelles Wissen und ein noch so grosser Elan mit zahlreichen Visionen können keinen Erfahrungsschatz ersetzen (z.B. Anwaltstätigkeit). Dabei schenkt uns das Alter auch eine grosse Narrenfreiheit: Wir brauchen uns nichts mehr zu beweisen; nicht mehr an unsere Karriere zu denken; auch kandidieren wir nicht mehr für politische Ämter. Dies ist ein Grund, weshalb wir für unsere erste Tagung ein für bürgerliche Politik eher ungewöhnliches Thema, nämlich „den Klimawandel, CO2 binden – Bäume pflanzen“ gewählt haben. Das Thema ist zudem für unser aller Zukunft von ganz wesentlicher Bedeutung.

 

  1. b) Wer eine Bedeutung haben will, muss eine Bedeutung auch für andere gewinnen. Wer sich nur um sein eigenes kleines Glück kümmert, verkümmert. Es macht Sinn, Kopf, Hand und Herz für andere einzusetzen, sich in der Gegenwart einzusetzen. Dieser Einsatz kann umfassend sein: Wir setzen uns gegen Ungerechtigkeiten und für den Schwächeren ein. Wir haben auch eigenes Fehlverhalten zu korrigieren: Unsere Generation hat die ökologischen Ressourcen zu stark beansprucht. Das gilt es zu korrigieren. Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt und hinterlassen den kommenden Generationen hohe Schulden, insbesondere in den Sozialversicherungen. Hier sind unsere Korrekturen im Sinne von Verbesserungen nötig. Wir können mithelfen, sei es in der Schule, der Nachbarschaftshilfe usw. Dieser Einsatz für die Zukunft bringt eigenes Glück. Wir erfahren, dass wir gebraucht werden.

 

  1. c) Wir wollen an der Zukunft mitwirken, auch wenn sie nicht mehr unsere Zukunft sein wird. Auf diese Weise überleben wir quasi uns selber. Mit diesem Engagement schaffen wir einen gesellschaftlichen Lastenausgleich.

 

 

  1. Eine Parabel zum Schluss

 

Es waren einmal drei mittelalterliche Steinhauer: Jeder wird gefragt, was er hier tue. Der Erste sagt: Ich haue Steine. Der Zweite: Ich verdiene hier mein Geld. Der Dritte aber sagt, ich baue mit an der grossartigen neuen Kathedrale unserer Stadt. Allen ist auf Anhieb klar: Der dritte Steinmetz haut die Steine am schönsten, weil er sich mit Herz und Hand für etwas einsetzt, womit die Stadt dereinst gross und schön und berühmt werden soll. Er baut weiter, auch wenn er die Vollendung der Kathedrale selber nie erleben wird. Wenn es uns gelingt, mit unseren Tagungen einen kleinen Beitrag für die Zukunft unseres schönen Städtchens und seiner Umgebung zu leisten, dann hat unser Engagement einen Sinn. Es ist eben wichtig, dass wir den Surseer Seniorinnen und Senioren eine Stimme geben – unsere Stimme erheben.

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